Unternehmerverbände Südhessen
Zertifiziert nach DIN ISO 9001:2000
Weiterbildung 2010

Nächster Termin

27.09.2010

Arbeitsrecht II

(2-Tages-Veranstaltung)
Themen und Inhalte

Aktuelle Rechtsprechung

Weitere anzeigen

Veranstaltungen 2010

Nächste Veranstaltung

04.10.2010
Fachtag Beruf und Pflege

Der Arbeitgeberverband Südhessen
im Spiegel von fünf Jahrzehnten deutscher Zeitgeschichte

Index > Die 50er > Die 60er > Die 70er > Die 80er > Die 90er

Globalisierung - Die 90er Jahre: Strukturwandel im Informationszeitalter

Das politische Ereignis dieses Jahrzehnts ist der Zusammenbruch des Sozialismus und die deutsche Wiedervereinigung. Der jahrelange Ost-West-Gegensatz, der als Wettkampf der Systeme auch auf intellektueller und kultureller Ebene stattfand, wird überwunden.

Der Gedanke an ein geeintes Europa steht im Zentrum des Maastricht-Abkommens. Es ebnet den Weg zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.

Mit der Wiedervereinigung kommen auf Deutschland erhebliche finanzielle Mehrbelastungen zu. Den Neuverschuldungen des Staatshaushaltes begegnet man u.a. mit einer forcierten Politik der Privatisierung. Staatseigene Monopole wie die Post oder die Deutsche Bundesbahn fallen. Die Firmen werden zu Aktiengesellschaften umstrukturiert.

Informations- und Kommunikationstechnologien erhalten eine zunehmend größere Bedeutung. Ein erdumspannendes Datennetz, das Internet, wird Mitte der 90er Jahre zum Massenmedium. Es ermöglicht den sekundenschnellen Abruf von weltweiten Informationen über den heimischen Computer. Die Erde wird zum „Weltdorf“.

In Deutschland beginnt Mitte der 90er Jahre eine Diskussion über Zukunftsbranchen und Produktionsmethoden. Dies gilt ganz besonders für die M+E-Industrie, die mit modernen Produktionsverfahren und attraktiven Berufsbildern auf den Strukturwandel und die Marktsituation reagiert. Für die Auszubildenden der M+E-Branche wird in diesem Zusammenhang 1991 der „TeamMachWerke“-Wettbewerb ins Leben gerufen. Er hat das Ziel, die Gruppenarbeit in der Ausbildung zu fördern und den Nutzen einer qualifizierten Ausbildung aufzuzeigen. Das Siegerteam 1997 kam von der Adam Opel AG und entwickelte eine Rollstuhlhebevorrichtung. Den vier jungen Auszubildenden wurde außerdem auf dem 8. Hessenforum am 15. Mai 1997 als „best of the best“ aller hessischer Preisträger der ELMO, die Symbolfigur des Wettbewerbs, verliehen.

Das Thema Zukunftsbranchen wird hauptsächlich von den Entwicklungen in der Telekommunikation und der Biotechnologie bestimmt. Dazu hielt Prof. Horst Siebert einen Gastvortrag auf der Jahresversammlung im Mai 1995. Von der Politik fordert der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, dass sie Rahmenbedingungen schaffe, mit denen die Suche nach neuen Produkten wieder lohnend werde. Die zögerliche Öffnung der Telekommunikationsmärkte und die zu langen Genehmigungszeiten für neue Produktionsanlagen seien Schwachpunkte („Darmstädter Echo“ vom 17. Mai 1995).

Zeitgemäßes Denken und Handeln streben auch die Pädagogen an Schulen und Universitäten in Deutschland an. Anlässlich eines Gespräches beim Arbeitskreis Schule/Wirtschaft im Juni 1995 fordert der Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), Dr. Wilfried Vetter, dazu auf, die Schulen finanziell besser zu versorgen und mit modernen Medien auszustatten. Die Bildungssituation sei rundum unbefriedigend, kritisiert Dr. Wilfried Vetter. Immer wieder warnten in den vergangenen Jahren die Arbeitskreise Schule/Wirtschaft vor dem Bildungsabbau. Bei vielen Schulabgängern genügten die erreichten Ergebnisse der schulischen Bildung nicht den Anforderungen der Arbeitgeber.

Mit dem Schülerplakatwettbewerb „Berufe mal ganz plakativ“ und dem Internetprojekt „Berufswelt 2000“ wurden deshalb seitens des Verbandes in Zusammenarbeit mit südhessischen Schulen neue Wege zum Berufseinstieg und zur Verbesserung der Ausbildungsreife eingeschlagen.

Seinen Höhepunkt erlebt der „Bildungsnotstand“ 1997, als mehrere tausend Schüler und Studenten in ganz Deutschland ihrem Ärger in Demonstrationszügen Luft machen. In Darmstadt protestieren Jugendliche vor den Räumen des Arbeitgeberverbandes in der Adelungstrasse.

Der Reformstau des sozialen Systems

In der Tarif- und Sozialpolitik findet ein Bruch statt. Die in den vergangenen 50 Jahren gewachsenen Strukturen des Tarif- und Sozialsystems werden durch Entwicklungen wie die Globalisierung in Frage gestellt. Auf tarifpolitischer Ebene kommt eine Diskussion über die Reform des Flächentarifvertrages (Öffnungsklauseln oder betriebsindividuelle Flexibilisierung) in Gang. Auch die bestehenden sozialen Sicherungssysteme lassen sich in ihrer bisherigen Form nicht mehr aufrechterhalten. Sie müssen reformiert werden.

Trotz der neuen ökonomischen Rahmenbedingungen gelingt es den Gewerkschaften im Oktober 1995, die 35-Stunden-Woche zu realisieren, obwohl diese Entwicklung der wirtschaftlichen Situation völlig zuwiderläuft. Geschäftsführer Wolfgang Drechsler appelliert in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 5. Oktober 1995 an die Gewerkschaften „(...) bei zukünftigen Tarifrunden stärker zu berücksichtigen, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch zu hohe Lohnkosten und zu kurze Nutzungszeiten der Produktionsanlagen (...)“ gefährdet sei. Wolfgang Drechsler weist darauf hin, dass sich die Erwartung, mittels Arbeitszeitverkürzung neue Arbeitsplätze zu schaffen, nicht erfüllt habe. Ganz im Gegenteil: In Südhessen führte die 35-Stunden-Woche zum Verlust von 15.000 Arbeitsplätzen allein im Bereich der M+E-Industrie.

Angesichts der ungelösten Arbeitsmarktprobleme rief der Vorsitzende des Verbandes der Metall- und Elektro-Unternehmen in Südhessen, Dr. Albrecht Hallbauer, in einem offenen Brief die IG Metall auf, gemeinsam neue Lösungskonzepte zur Kostenentlastung und zur Beschäftigungssicherung zu erarbeiten: „Wir sitzen in einem lecken Boot, wenn auch auf unterschiedlichen Seiten. Deshalb sind Gespräche und nicht Machtdemonstrationen das beste Mittel, um den Kurs festzulegen. Protestaktionen, wilde Streiks, Arbeitsniederlegungen sind ungeeignete Instrumente, um die derzeitigen Probleme zu lösen“.

Neue Konturen im Verband

Der Verband setzt bis heute die in den 80er Jahren eingeleiteten Initiativen weiter fort und weitet die Zusammenarbeit mit den regionalen Industrie- und Wirtschaftsvereinigungen aus. 1994 kommt es zu einer personellen Veränderung, eine Ära geht zu Ende: Nach 22 Jahren beendet Dr. Walter Schlotfeldt seine Tätigkeit als Vorsitzender der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen des Verbandes der Metall- und Elektrounternehmen Hessen e.V., 1995 auch im Vorsitz des Gesamtverbandes. Ein Ereignis, das mit der besonderen Ehrung seiner Person verbunden ist.

Seine Nachfolger, Dr. Albrecht Hallbauer, Vorsitzender des Verbandes der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen e.V., Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen, und Klaus Gruber, Vorsitzender des Unternehmerverbandes Südhessen e.V. stellen sich - unterstützt von den Verbandsmitarbeitern - seitdem den neuartigen wirtschaftlichen Herausforderungen der 90er Jahre. Ergänzend zur Kernkompetenz des Verbandes, der Beratung und Vertretung in allen Fragen des Arbeits- und Sozialrechts, kommt der Service- und Dienstleistungsgedanke in das Angebot der Verbandsarbeit. Im Mittelpunkt der neuen Serviceleistungen stehen eine PR-Kontaktstelle, Workshops, Reportagen über Mitgliedsfirmen in der Wirtschaftszeitung „Aktiv“, der Firmen-Infobrief „Prisma“ und die Presseagentur „EDUARD“. All diese Maßnahmen haben eines zum Ziel: Die Mitgliedsfirmen ins Gespräch zu bringen und die Unternehmenskommunikation zu verbessern. Damit setzt der Arbeitgeberverband auf einen Multiplikationsfaktor, der immer in den Unternehmen unterschätzt wird: Public Relations führt zu einem erkennbaren Mehrwert, wenn das Vertrauen der Bevölkerung und der eigenen Mitarbeiter in ein Unternehmen gestärkt werden. In diesem Sinne begleitet der Unternehmerverband Südhessen seine Mitgliedsfirmen auf dem Weg ins neue Jahrtausend.

Im Jubiläumsjahr 1998 hat der Verband im Rahmen seiner Mitgliederversammlung am 25. März 1998 auf fünfzig Jahre Arbeitgeberverband in Südhessen zurückgeschaut. Dabei wurde der bisherige Name des Verbandes in „Unternehmerverband Südhessen e.V.“ umbenannt. Zusätzlich wurde ein neues Verbandslogo, das den Verbandsbereich, eingebettet in die Lebensadern der Flüsse Rhein, Main und Neckar zeigt, entwickelt und als Marke beim Deutschen Patentamt geschützt. Durch die Umbenennung in „Unternehmerverband Südhessen e.V.“ soll die besondere Rolle des Unternehmers als Motor des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts sowie seine Vorbildfunktion für Innovationsfähigkeit, Risikobereitschaft und Leistungsverpflichtung, herausgestellt werden.

Unter dem Motto „Mut zur Zukunft - Veränderungen wagen - partnerschaftlich handeln“ diskutierten in einer hochkarätig besetzten Talkrunde Dr. Werner Stumpfe (Präsident von Gesamtmetall), Dr. Klaus Mehrens, (Leiter des IG Metall-Bezirks Frankfurt), Prof. Dr. Hans-Joachim Langmann, (Vorsitzender der Geschäftsleitung Merck KGaA), Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner (Präsident der TU Darmstadt) und Dr. Albrecht Hallbauer (Vorsitzender des Verbandes der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen e.V., Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen) über die Modernisierung des Flächentarifvertrags und über die betriebliche Weiterbildung als Teil der gelebten Unternehmenskultur. Nach Einschätzung von Dr. Werner Stumpfe ist am Beschäftigungsstandort Deutschland die Balance zwischen dem ökonomisch Notwendigen und dem sozial Wünschbaren verloren gegangen. Eindringlich appellierte er an die Tarifpartner, den Flächentarifvertrag praxisgerechter zu machen und ihn als Gestaltungskraft für die Regelung von Arbeitsbedingungen zu nutzen. Dr. Albrecht Hallbauer kritisierte die fehlende internationale Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen, obwohl sie gute Produkte anzubieten hätten. Nach seiner Einschätzung gibt es inzwischen viele „kleine Bündnisse für Arbeit und Wettbewerbsverbesserung in den Betrieben vor Ort“. Die in der betrieblichen Praxis partnerschaftlich entwickelten Arbeitsbeziehungen müssen, so Hallbauer, auch im tariflichen Regelwerk ihre Entsprechungen finden. Insgesamt hat sich der Flächentarifvertrag nach seiner Einschätzung im Rückblick auf fünfzig Jahre verbandlichen Handelns jedoch bewährt. Allerdings hat er Phasen höchster Belastung erlebt, wie z.B. die falschen Weichenstellungen bei der Arbeitszeitregelung und fehlende Gestaltungsspielräume für betriebsspezifische Lösungen in schwierigen Zeiten. Die im Rahmen eines Arbeitskampfs 1984 durchgesetzte Einführung der 35-Stunden-Woche hat in der südhessischen Metall- und Elektro-Industrie bis zum Jubiläumsjahr zu einem Verlust von über 20.000 Arbeitsplätzen geführt.

Mit dem vom Verband und seinen Gremien verabschiedeten Kommunikationskonzept „Wir unternehmen was! - Das neue Unternehmerbild“ soll nach Einschätzung des Geschäftsführers des Verbandes, Rechtsanwalt Drechsler, auf die besonderen Leistungen der Unternehmer hingewiesen werden. „Sie schaffen nicht nur die von den Menschen benötigten Produkte und Dienstleistungen, sondern erwirtschaften auch das Geld für Löhne, Gehälter und Sozialleistungen“. Damit verkörpert der Unternehmer mit seinem Handeln und Entscheiden Wesensmerkmale einer an Freiheit und Eigenverantwortung orientierten pluralen Gesellschaft. Ziel des Unternehmerverbandes ist es, Anstöße für eine neue Kultur der Selbständigkeit in Südhessen zu geben. Eine praktische Umsetzung des Kommunikationsdialogs lieferte das Engagement der südhessischen Unternehmer bei der Schaffung neuer Ausbildungsplätze in Südhessen und bei der Beratung von unversorgten Jugendlichen. Erstmals wurde auf dem Luisenplatz in Darmstadt unter dem Motto „Wir unternehmen was! - Südhessen - Ausbildung - Zukunft“ am 26. Juni 1999 durch Ausbildungsexperten aus Unternehmen, Hochschulen, Gewerkschaften, Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft und Arbeitsamt Gespräche mit Schülern, Eltern und Öffentlichkeit über unbesetzte Ausbildungsstellen, Alternativen für Schüler ohne Bildungsabschluss, attraktive Studiengänge, neue Ausbildungsberufe und Bewerberprofil geführt. Mitgebracht hatten die Unternehmer 150 offene Ausbildungsplätze und das Infomobil der Metall- und Elektro-Industrie.

Der Bildungsfrage insgesamt wurde im Jahr 1999 ein besonderer Stellenwert zuteil, wurde doch seitens der Gremien die Fortsetzung des Schülerplakatwettbewerbs mit dem Thema „Was machen eigentlich Unternehmer?“ beschlossen und zusätzlich der Innovationspreis 2000 für südhessische Schulen ausgeschrieben. Damit soll auf Schülerseite die Auseinandersetzung mit den Wirtschaftsthemen gefördert, wirtschaftliches Wissen verbessert und über das breite Spektrum unternehmerischen Handelns informiert werden. An die Schulen schließlich wendet sich der Innovationswettbewerb. Er hat das Ziel, die in den letzten 21 Jahren in Südhessen entwickelte Partnerschaft zwischen Schule und Wirtschaft zu fördern und zukunftsweisende Projekte und Leistungen südhessischer Schulen in den Bereichen Organisationsentwicklung, Mitarbeiterführung, neue Formen der Schulpartnerschaft, pädagogische Konzepte und Multimedia-Einsatz zu erfassen. Die von den 24 beteiligten Schulen eingereichten 33 Objekte mussten darüber hinaus die Anforderungskriterien „innovativ“, „beispielhaft“ und „übertragbar“ erfüllen. Preisträger des Innovationswettbewerbs 2000 wurde die Joachim-Schumann-Schule aus Babenhausen mit dem Projekt „Erneuerbare Energien“. Der zweite Preis ging an die IGS Mainspitze mit der Arbeit „Dienstleistungsbetriebe an der IGS“, der dritte Preis an die Bachgauschule in Babenhausen mit dem Projekt „A new product on the market“ und der Sonderpreis an die Dahrsbergschule in Seeheim-Jugenheim mit der Arbeit „Bau eines Hauses für Jugendarbeit“. Die Preisverleihung an die vier Preisträger fand im Rahmen der Jahresmitgliederversammlung des Verbandes am 22. März 2000 in Darmstadt statt.

In seiner Laudatio wies der Vorsitzende des Unternehmerverbandes Südhessen e.V., Dr. Michael Römer, darauf hin, dass die Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Volkswirtschaften nicht erst in der Fabrikhalle oder bei Tarifverhandlungen, sondern schon im Klassenzimmer beginnt. „Wir müssen uns gemeinsam mit den südhessischen Schulen dieser neuen Bildungsherausforderung stellen, damit junge Leute besser auf die Anforderungen der Arbeitswelt im globalen Informationszeitalter vorbereitet werden und der Qualitätsprozess an südhessischen Schulen gestärkt und verbessert wird. Von den Besten zu lernen, darf nicht nur mehr das Erfolgsrezept der Unternehmen sein, sondern sollte selbstverständlich auch vom Bildungssystem insgesamt und auch von anderen Teilbereichen unserer Gesellschaft übernommen werden“, forderte Dr. Michael Römer in seiner Ansprache.

Index > Die 50er > Die 60er > Die 70er > Die 80er > Die 90er
nach oben