Der Arbeitgeberverband Südhessen
im Spiegel von fünf Jahrzehnten deutscher Zeitgeschichte
Index > Die 50er > Die 60er > Die 70er > Die 80er > Die 90erUmbruch - Die 60er Jahre: Von Adenauer zur Großen Koalition
Politisch endet in diesem Jahrzehnt die Ära des Gründungskanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Konrad Adenauer übergibt im Oktober 1963 das Kanzleramt an Ludwig Erhard, der als „Volkskanzler“ bei der Bundestagswahl 1965 mit 47,6 Prozent der Stimmen gewählt wird. Gerade ein Jahr währt das Bündnis mit der FDP., die sich im Oktober 1966 aus der Koalition zurückzieht. Innen- und wirtschaftspolitische Querelen führen zum Rücktritt Ludwig Erhards. Für drei Jahre wird das Land von einer Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger und seinem Stellvertreter Willy Brandt regiert.
Trotz der „Minirezession“ von 1966/67 setzt sich die wirtschaftliche Prosperität fort. Das politisch-kulturell markanteste Ereignis der 60er Jahre ist die Studentenbewegung, die einer ganzen Generation ihren Namen gibt: Die „68er“. Welche Auswirkungen dieser Aufbruch zu neuen Zielen haben sollte, wird erst heute spürbar. Das gilt sowohl für Schulen und Hochschulen als auch für den Nachwuchs in Technik oder Wirtschaft.
Das Problem fehlender Arbeitskräfte
Was in den 50er Jahren zum Regelfall geworden ist, die kontinuierliche Erhöhung von Löhnen und Gehältern sowie die Verkürzung der Arbeitszeit, das bestimmt auch die 60er Jahre. Die Erfolge des marktwirtschaftlichen Handelns schaffen die Grundlage für einen weiter auszubauenden Sozialstaat. Diesem Programm schließen sich - die einen mehr, die anderen weniger - alle gesellschaftlichen Gruppen an.
Die wirtschaftliche Dynamik führt in Südhessen zu einem anhaltenden Arbeitskräftebedarf. Dem widmet das „Darmstädter Echo“ am 13. Dezember 1963 die Überschrift „8600 Arbeitsplätze stehen leer“. Wie die Arbeitsamtstatistiken des Monats November 1963 zeigen, sind in fast allen Branchen vakante Stellen zu besetzen: „In der Produktions- und Konsumgüterindustrie setzte sich die konjunkturell günstige Entwicklung fort. Die Anforderungen von 3641 männlichen und 1412 weiblichen Kräften der industriellen und handwerklichen Berufe hielten sich in etwa auf der Höhe des Vormonats. Der Hauptanteil des Kräftebedarfs entfiel wie bisher auf die Eisen- und Metallwirtschaft. Außer dem an der Spitze liegenden Kraftfahrzeugbau blieben auch die Betriebe des Maschinen-, Stahl- und Apparatebaus weiter gut im Geschäft. Das trifft gleichfalls für die Unternehmen der Heiz- und Kochgerätefertigung und der elektronischen Erzeugnisse zu. Eine konstante Beschäftigung verzeichneten auch die Werke der chemischen Industrie.“
Viele Betriebe sehen aus dieser Arbeitsmarktmisere nur einen Ausweg: Die Abwerbung. Im Verband wird diese Entwicklung mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Der damalige Geschäftsführer, Dr. Karl Lenhardt, forderte dazu auf, im Interesse aller Unternehmen von derartigen Praktiken Abstand zu nehmen. Um die Situation zu entschärfen, werden Männer und Frauen, die zumeist aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei stammen, nach Deutschland als Gastarbeiter angeworben. Im Monat November 1963 hat das Arbeitsamt 312 „Anwerbeaufträge“ für ausländische Arbeitskräfte erteilt. Arbeitslosengeld bezogen zu der Zeit nur 739 Männer und Frauen.
Überregionale Bedeutung erlangt 1966 die Klage des Landesverbandes gegen die hessische Landesregierung. Der Arbeitgeberverband wehrt sich gegen die Rechtsgültigkeit des Aussperrungsverbotes in Art. 29. Abs. 5 der Hessischen Verfassung mit der Begründung, dass dieses Verbot gegen übergeordnete bundesrechtliche Grundsätze verstoße. Mit einem Schreiben wendet sich der Arbeitgeberverband an das „Darmstädter Echo“, das am 16./17. November 1966 den Brief im Originalwortlaut wiedergibt. Unter anderem findet sich in dem mehrspalteigen Text ein Zitat von Prof. Dr. Nipperdey, der den Sachverhalt zutreffend mit den Worten beschreibt: „(...) Es darf nicht die eine oder andere Seite ihres angestammten Kampfmittels beraubt werden, wie das die Hessische Verfassung versucht hat“.
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