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Der Arbeitgeberverband Südhessen
im Spiegel von fünf Jahrzehnten deutscher Zeitgeschichte

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Die 50er Jahre:

Ein politischer und wirtschaftlicher Neubeginn

In diesem Jahrzehnt blüht die parlamentarische Demokratie in Westdeutschland auf. Sie wird zum erfolgreichen Fundament des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Die Einbindung des Landes in das westliche NATO-Bündnis, in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und in die Montanunion verdeutlichen die politische und gesellschaftliche Stimmung der Bevölkerung. Amerikanische Filme, Kleidung und Musik drücken für die Deutschen den „American way of life” aus, der Freiheit und Unbekümmertheit verspricht.

Der Osten hingegen steht für Planwirtschaft, Abschaffung des Privateigentums, Einparteiensystem, Unterdrückung und totalitäre Staatsherrschaft. Diese mentalen, emotionalen und politischen Differenzen zwischen Ost und West stellen die Weichen in Richtung „Kalter Krieg“ und in eine Zweiteilung Europas.
Der Wiederaufbau beschert den Deutschen im Westen einen nie für möglich gehaltenen Wirtschaftsaufschwung. Das international bestaunte deutsche „Wirtschaftswunder“ ist untrennbar mit dem Namen Ludwig Erhard verknüpft. Der Wirtschaftsminister setzt ökonomisch auf das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft. Für die Bevölkerung bedeutet dies eine kontinuierliche Verbesserung ihres Lebensstandards. Liegt das Bruttosozialprodukt im Jahre 1950 noch bei rund 269,9 Milliarden Mark, so erhöht es sich im Jahre 1960 auf 579,5 Milliarden Mark. Im selben Zeitraum nimmt die Zahl der Beschäftigten von 20,3 Millionen auf 26,3 Millionen zu.

Die Stunde des Flächentarifvertrages

Mit den jährlichen Tarifrunden zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften wird der Flächentarifvertrag zur strukturbildenden Komponente des Tarifgeschehens. Die Sozialpartner suchen in diesen Jahren verstärkt den Dialog miteinander. Dazu schreibt Carl-Hugo Jäger im „Darmstädter Tagblatt“ vom 1./2. Mai 1952: „Nur in einem verständnisvollen Zusammengehen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern können die schwierigen Verhältnisse in der Bundesrepublik gemeistert werden. Im Laufe der Jahre haben sich die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände wiederholt zusammengefunden, um dringende Tagesfragen gemeinsam zu regeln. Leider ist der Erfolg nicht immer der gewünschte gewesen. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass zwei so mächtige Organisationen... heute eine Macht verkörpern, die auf dasselbe Ziel ausgerichtet ist, die sozialpolitischen Verhältnisse maßgeblich zu beeinflussen.“ Und weiter an die Adresse der Regierung: „Zu diesem Zweck müssen die Arbeitgeberverbände auch die Forderung erheben, dass die von den Sozialpartnern gemeinsam geschaffenen Gesetzentwürfe von der Bundesregierung weit mehr gestützt und gefördert werden, als das bisher der Fall war.“

Gegen den Widerstand der SPD verabschiedet der Bundestag am 20. Juli 1952 das Betriebsverfassungsgesetz mit 195 zu 140 Stimmen. Es regelt die Stellung und Rechte der Betriebsräte in der Wirtschaft und soll, getragen vom „Geist der Partnerschaft“, mithelfen, das Klassendenken zu überwinden. Mitbestimmung und Mitwirkung dürfen dabei aber nicht zu Kontrollgremien politischer oder gesellschaftlicher Kräfte werden und müssen spätestens dort ihre Grenzen finden, wo sie die im Grundgesetz verankerten Garantien des Eigentums und der Freiheit der Persönlichkeit gefährden. Für die kommenden Jahrzehnte soll dieses Mitbestimmungsmodell in den meisten europäischen Staaten zum Vorbild und erträumten Fernziel vieler Gewerkschaften werden. Es ist, in den Anfangsjahren weit mehr als heute, von einem Miteinander der Tarifparteien zum Wohle des Einzelnen wie des Unternehmens geprägt.

Bei Tarifrunden passen politische Auseinandersetzungen nicht ins Bild und werden deshalb, auch umgekehrt, nicht als Mittel der Politik instrumentalisiert.

Ein weiteres herausragendes tarif- und sozialpolitisches Ereignis ist die Verabschiedung des Gesetzes zur paritätischen Mitbestimmung in der Montanindustrie. Für tarifpolitische Schlagzeilen sorgen darüber hinaus der arbeitsfreie Samstag, die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 48 auf 44 Stunden und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

In dieser Dekade finden auch die ersten großen Streiks statt, denen Carl-Hugo Jäger in seinem o.g. Artikel an sich keine Zukunft mehr versprach: „Die klassischen Mittel des Wirtschaftskampfes wie Streik und Aussperrung haben an Bedeutung verloren und müssen ersetzt werden durch verständnisvolle Zusammenarbeit. Jeder Sozialpartner muss vom anderen wissen, was für ihn zumutbar und was für ihn nicht zumutbar ist.“

Doch die IG Metall ruft in der Zeit vom 27. August bis zum 22. September 1952 in Hessen zum Streik auf. Ab dem 29. August 1952 wird auch in Südhessen die Arbeit niedergelegt. Aufsehenerregend ist der Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein zwischen dem 24. Oktober 1956 und dem 14. Februar 1957.

Dennoch führt der wirtschaftliche Aufschwung der 50er Jahre zu einer erheblichen Ausweitung der industriellen Tätigkeit in Südhessen und damit zu einer steigenden Zahl von Mitgliedsfirmen des Verbandes.

Bis 1960 wächst die Zahl der Verbandsmitglieder auf 92 mit 56.096 Beschäftigten. Maßgeblich an der Beschäftigungsentwicklung beteiligt ist die von Unternehmern 1947 zusammen mit dem Architekten Kurt Jahn und der Stadt gegründete Wiederaufbau GmbH in Darmstadt. Sie setzt sich für die Ansiedlung rauchloser und lärmfreier Industrie ein. Verlage, Druckereien, graphische Betriebe, Textilfabriken und optische Industrie siedeln sich am Rande der Wohnstadt an. Der Grund: Man will keine Zeit für die Enttrümmerung größerer Areale in der Innenstadt investieren. Das ehemalige Exerzierplatzgelände und einige angrenzende Grundstücke werden für die Bebauung zur Verfügung gestellt. Zwischen Rheinstraße und Scheppallee sowie Haardtring und Hindenburgstraße können innerhalb von zehn Jahren 10.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die Tätigkeit des Verbandes wird zunehmend von den jährlichen Verhandlungen über Löhne, Gehälter, Arbeitszeiten und Urlaubstage geprägt. Nominale Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen führen zu einer vermehrten Beratungstätigkeit und zu ersten Überlegungen, wie die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes verstärkt werden kann.

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